Abstract
Das FWF-Esprit-Projekt „Aufführungspraxis am Grazer Hof um 1600“ (Projekt: ESP281) befasst sich mit der Aufführungspraxis am Grazer Hof um 1600, zu der bisher kaum Studien vorliegen. Dabei werden Einzelaspekte wie Musikinstrumente, Besetzungen, Notenmaterial, Tempofragen, Stimmtöne, improvisatorische Praktiken und Aufführungsorte in Bezug auf den Grazer Hof betrachtet. In einem empirischen Teil werden Aufführungen von Werken Grazer Hofkomponisten an historischen Orten nachgestellt. Diese Reenactments werden aber nicht nur die Aufführungen an sich, sondern auch den Probenprozess betrachten, der sich bei mehrchörigen Kompositionen in den historischen Produktionsweisen (Ensembleaufstellung, Ensembleleitung, Notenmaterial) wesentlich von modernen Konventionen unterscheidet. Der vorliegende Bericht bezieht sich auf zwei Phasen, in denen das vierchörige Kyrie aus der „Missa Sine Nomine“ von Alessandro Tadei (ca. 1558–1667) von Studierenden des Instituts 15 – Alte Musik und Aufführungspraxis der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz sowie der Schola Cantorum Basiliensis nachgestellt wurde. Diese beiden Phasen wurden auch musiksoziologisch begleitet, um die sozialen Interaktionsprozesse, kollektiven Erfahrungen und musikalischen Aushandlungen während der Reenactments systematisch zu erfassen und zu analysieren. Die wesentlichen musiksoziologischen Erkenntnisse werden in diesem Bericht festgehalten und diskutiert.